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Les Edgerton in Kulturzeit, Krimibestenliste, in der literarischen Welt und FAZ

Der Kulturzeit-Beitrag lässt sich in der Mediathek Abrufen.

Eigentlich ist der Gefangene Truman Ferris Pinter ein ganz angenehmer Mensch: höflich, belesen, reflektiert. Vielleicht etwas selbstgefällig, aber sogar die Wärter schätzen ihn als umgänglichen Zeitgenossen. Das Problem ist nur: Truman ist ein Monster. Er hat eine junge Frau vergewaltigt und ermordet. Ihren Körper achtlos weggeworfen. Jetzt sitzt er fest. In der Todeszelle. Und wir, die Leser, mit ihm. Festgekettet an Truman, der sich genüßlich die eigene Hinrichtung ausmalt. Pausenlos redet er auf uns ein – anmaßend, überheblich. Was für ein feiner Kerl er doch sei. Wie wenig sich ein Genie wie er um die Gesetze der Menschen scheren müsse. Und überhaupt: Die Sache mit der Vergewaltigung und dem Mord sei ganz anders gelaufen. Zugegeben: „Der Vergewaltiger“ ist harte Lektüre. Der Leser wird zum Beichtvater eines Psychopathen. Nur, dass der keine Beichte ablegt, sondern ein Glaubensbekenntnis. „Der Vergewaltiger“ von Les Edgerton: Dieses Buch liest man nicht. Man muss es aushalten.

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Wieder einmal eine Neuentdeckung von Frank Nowatzki: Leslie Edgerton, 1943 in Texas geboren, blickt auf eine wechselhafte Vergangenheit und inzwischen achtzehn Bücher zurück.  Der Vergewaltiger ist eine seltsame, verstörende Lektüre, der Leser ist, sofern er sich auf die Umgarnungsversuche des Ich-Erzählers einlässt, Mitgefangener in der Todeszelle und seiner Suada. In der er seine erbärmliche Tat zu einer außergewöhnlichen Begebenheit seines Gentleman-Daseins hochjazzt.
In seinem lesenswerten Nachwort zieht Ekkehard Knörer, der in den Anfangsjahren Mitglied der Jury der Krimibestenliste war, Vergleiche zu Jim Thompsons Killer Inside Me. Mir stießen bei der Lektüre Parallelen zu Jack Londons Gefängnisroman Die Zwangsjacke auf: Der Text zieht dem Leser den Boden unter den Füßen weg, unklar, was Fantasie, was Realität ist.

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Es braucht einen ziemlich weiten Krimibegriff. Wie überhaupt (wenn man den „Vergewaltiger“ dann doch zweimal liest) das ganze lyrische, literarische Netz passt, auf dem Les Edgerton seinen Roman erzählt, den man als Kriminalroman nur mit einem extrem weiten Krimibegriff bezeichnen kann. Der zeitphilosophische Motor, der Edgertons teuflische Maschine antreibt, ist der britische Soldat, Flugingenieur, Fliegenfischer und Philosoph John William Dunne, wegen dessen Analyse wenigstens Ekkehard Knörers feines Nachwort gelesen werden sollte. Edgerton, dem Trumans Gefängnisgeschichten deswegen besonders intensiv gelingen, weil er selbst vor seiner Literaturkarriere vier Jahre im Pendleton Reformatory einsaß, einem besonders gruseligen Knast in Fall Creek/Indiana, Edgerton also schlägt einem ein literarisches Experiment um die Gehirnzellen, das funkelnde psychologische Passionsfestspiel von einem, der, um im Osterbild zu bleiben, Schächer ist (Vatermörder und Vergewaltiger) und sich als Gottessohn begreift. Fies, kaum zum Aushalten, aber toll.

Am Samstag in der Berliner Zeitung von Gunter Grosser:

Ein Kriminalroman ist Les Edgertons „Der Vergewaltiger“ nur am Rande. Es passiert ein Verbrechen, sicher, der Täter wird gefasst und verurteilt. Was dann jedoch folgt, ist die große Suada einer jener unheimlichen genialischen Figuren der Literatur, die sich aus dem Basislager einer nihilistischen Ethik und Kosmologie hinaufschwingen bis zum Gipfel der radikalenVerachtung.

„Der Texaner Les Edgerton, Jahrgang 1943, hat Knast- und Halbwelterfahrungen gesammelt, bevor er Schriftsteller wurde. Sein vor vier Jahren im Original erschienener Hundertfünfzigseiter ist ein literarisches Schurkenstück erster Güte, das mit einem Krimi kaum etwas zu tun hat, vielleicht mit einem Bein gerade noch im Noir-Genre steht. Es ist ein Stück Meta-Literatur, voller Bezüge auf die metaphysical poets, auf Aischylos, Balzac, den englischen Soldaten und Flugzeugkonstrukteur John William Dunne. Edgertons Rollenprosa setzt auf einen komplett unzuverlässigen Erzähler; seine Abrechnung mit sämtlichen Religionen, seine esoterischen Theodizee-Exkurse sind nur dazu da, um am Ende doch wieder dort zu landen, wo der gekreuzigte Christus starb – um dessen Botschaft zu pervertieren: „Nichts ergibt einen Sinn, weil Sinn exakt das ist, wobei sich der Schöpfer aus Spaß gezügelt hat.“

Der Roman ist eine kalkulierte Zumutung, funkelnd und bösartig. Er beweist, dass es in der Literatur aufregender zugeht, wenn sich einer überhebt und verrennt, anstatt die immer gleiche fade Tütensuppe der Marke Psychothriller, Serienkiller oder Regionalkrimi aufzutischen.“ hhm/FAZ

 

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