|
Platz
1: Bestenliste 01/2006>
Rezensionen:
dpr /Watching the detectives
Pulp und die Moderne. Krimi und die Theorie vom Werden der
Kunst im Auge des Betrachters. Das passt nicht? Passt! In
Charles Willefords Ketzerei in Orange.
... Das hätte nun ein furchtbar langweiliges Traktat
werden können, doch Willeford kann schreiben. Sehr diszipliniert
führt er seinen James Figueras auf dem schmalen Grat
zwischen Alltag und Abgrund, Normalität und Irrwitz.
Alles was in diesem Krimi passiert, ist so gewöhnlich
wie außergewöhnlich. Wirklich normal hingegen ist
kaum etwas, abgesehen von Jacques Debierue selbst, der sein
Scheitern erträgt und in den Banalitäten des Lebens
überlebt, und Figueras Freundin, einer biederen
Englischlehrerin aus Duluth / Minnesota (pikanterweise auch
der Geburtsort Bob Dylans), die naiv richtige Fragen stellt
und intellektuell falsche Antworten bekommt. Figueras dagegen
existiert ebenso wenig wie die Kunst, die er kritisiert und
damit erst zur Kunst macht. Am Ende zahlt er den Preis.
Einen Mord, wie gesagt, gibt es auch. Aber Achtung, liebe
Theoretiker des konventionellen Krimis: Der Mord ist hier
nicht Ausgangspunkt, sondern Resultat, kein Ermittler löst
den Fall, sondern die Geschichte selbst stellt die Gerechtigkeit
wieder her. Das ist groß, das ist Willeford.
Das meint krimi-couch.de:
"Die schwarze Seele eines Kunstkritikers"
von Thomas Kürten
VOLLTREFFER
Eine wahre Rarität, die in der inzwischen ruhmvollen
"Pulp Master"-Reihe des Maas Verlages erschienen
ist, sind die beiden Romane "Ketzerei in Orange"
und Die schwarze Messe des Amerikaners Charles Willeford...
... Willeford wird mitunter als der "unbekannteste große
amerikanische Autor des 20. Jahrhunderts" bezeichnet.
Sein Werk blieb lange Zeit von der Kritik unentdeckt, da es
in Billig-Paperbacks aufgelegt wurde und so als literarische
Perlen in der breiten Masse amerikanischer Schundromane verschwand.
Dabei war er unter den Vielschreibern eigentlich Fehl am Platze,
da er mit ausdauernder Akribie an seinen Texten feilte: es
war ihm Ernst mit der Literatur und er orientierte sich durchaus
an literarischen Größen wie Joyce. (In "Der
Hohepriester" lässt er seinen Protagonisten eine
verständliche Version des "Ulysses" schreiben.)
Willefords Pulp Fiction bedient sich dem Prinzip, über
einen Antihelden der in seinen Romanen fast durchweg
als Ich-Erzähler auftritt den Blick des Lesers
auf die Gesellschaft in eine andere Perspektive zu rücken.
Hier werden Schattenbereiche der menschlichen Existenz und
der damit verbundenen Existenzangst betreten; es geht vordergründig
nicht um Verbrechen, Mord und Totschlag, sondern um das pure
Überleben in sozialen Grauzonen. Das erstaunliche und
zugleich verstörende für den Leser dabei: man findet
sich unmittelbar mit existenziellen Problemen des Antihelden
konfrontiert und sieht ebenfalls nur die Auswege, die der
Autor ihm vorlegt. Die Verbrechen in Willefords Romanen sind
Ausdruck von Verzweiflung und Sinnlosigkeit...
... Trotz des vergleichsweise hohen Preises ist Willefords
"Ketzerei in Orange" eine Empfehlung wert. Ein erster
Volltreffer im Krimi-Jahr 2006. Kompliment auch an den Maas-Verlag,
der sich an die Veröffentlichung getraut hat. Die Krimi-Couch
wartet gespannt, ob noch weitere Willefords in Zukunft erscheinen
werden.
Ambros Waibel, Junge Welt
... Springer steht gegen Ende des Romans in New York, die
Taschen voller gestohlenem Geld, schaut in den klaren blauen
Himmel und flüstert: »Lieber Gott, ich danke dir,
für nichts.« Nicht nur in solchen Momenten erinnern
Willefords erzählerische Experimentalanordnungen an Kafka,
an dem sich Generationen von Literaturwissenschaftlern abgearbeitet
haben. Dabei ist es gerade der Schmutz-(Pulp)-Autor Willeford,
der so etwas wie eine reine, furchteinflößend heitere
Prosa geschrieben hat, die sich jeder verharmlosenden wie
allzu US-kritischen Lesart entzieht und vielleicht gerade
deswegen den Leser verstört und doch ungemein gestärkt
zurückläßt.
Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer
... Scharfsinnig porträtierte Charles Willeford in "Die
schwarze Messe" einen nihilistischen Helden, der erst
mit dem Wallstreet-Kapitalismus und dem Jahrzehnt der Gier
in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in das allgemeine
Bewusstsein rückte. Damals schrieben unter anderem Tom
Wolfe (Fegefeuer der Eitelkeiten) und Brett Easton Ellis (American
Psycho) dicke und erfolgreiche Bücher über bedingungslose,
nihilistische Kapitalisten in der liberaldemokratischen Gesellschaft.
Aber während sie für ihre Analyse dicke Bücher
schrieben, bleibt Willeford in der üblichen Länge
eines Pulpromans und schlachtet fast schon nebenbei alle heiligen
Kühe der amerikanischen Gesellschaft. Deshalb ist Willefords
prophetische Gesellschaftsanalyse "Die schwarze Messe"
heute so aktuell wie vor fast einem halben Jahrhundert. Seine
Noir-Groteske "Die schwarze Messe" ist ein moderner
Klassiker, dessen Entdeckung in Deutschland lange überfällig
war.
Gunter Blank, Welt am Sonntag
Abstieg zum Psychopathen
Sam Springer fühlt sich in seinem Job als Buchhalter
unterfordert. Vage strebt er nach Höherem, weiß
aber nur, daß er nicht dafür arbeiten will. Lieber
läßt er seine Frau sitzen und wird kriminell. Er
ist der Anti-Held in Charles Willefords neu aufgelegtem Roman-Noir-Klassiker
"Die Schwarze Messe" von 1958. "In der Army
habe ich viele solche Typen getroffen", hat Willeford
(1919-1998), Panzerkommandant im Zweiten Weltkrieg, einmal
gesagt.
Durch einen bizarren Betrug avanciert seine Figur Sam Springer
zum Pfarrer einer schwarzen Gemeinde in Florida. Doch die
Hoffnung, sich den Rest seiner Tage von Schwarzen aushalten
zu lassen, zerschlägt sich, als der von Martin Luther
King organisierte Busboykott auf Jacksonville übergreift.
Scheinbar mit den besten Absichten unterstützt Sam Springer
die Bürgerrechtler. Heimlich aber plant er, seine Freunde
zu verraten und aus dem Busboykott Kapital zu schlagen.
Der schleichende Übergang vom Normalbürger zum
mordbereiten Psychopathen ist die Konstante im Werk von Charles
Willeford. Er ist ein Chronist der nachindustriellen Gesellschaft,
in der das entwurzelte Individuum mehr und mehr bereit ist,
für einen Fetzen vom amerikanischen Traum über Leichen
zu gehen.
Bewertung 4
WDR / Ullrich Noller
Charles Willeford: Die schwarze Messe
New York, Stadtteil Harlem, wo vor allem Schwarze leben; in
den fünfziger Jahren. Selbst für Harlem ist das
Paar, das in dem billigen Hotel eingecheckt hat, ziemlich
seltsam: Reverend Deuteronomius Springer, weiß und Mitte
30, teilt sich sein Zimmer mit Merita Jensen, einer prallerotischen
Schwarzen von Anfang 20. Dem pastoralen Outfit von Springer
zum Trotz ist völlig klar, was die beiden im Zimmer vorhaben;
kein Wunder also, dass sie erst im dritten Hotel überhaupt
ein Zimmer bekommen haben. Noch viel spannender als das, was
gleich nach dem Einchecken geschehen wird, ist aber das, was
sich bereits ereignet hat: Die Geschichte, die dazu führte,
dass das ungleiche Paar überhaupt ein solches wurde.
Und diese Geschichte erzählt die großartige Kriminalgroteske
Die schwarze Messe von Charles Willeford:
Sam Springer ist eigentlich Buchhalter. Schon lange hatte
er die Nase voll von seinem öden Dasein, da befällt
ihn eines Tages plötzlich eine Idee für einen Roman.
Springer zögert nicht lange, schreibt die Geschichte,
findet einen Verlag, bekommt einen Vorschuss, wird Schriftsteller.
Ein traumhaftes Leben; allein: ein Nachfolgeroman ist nicht
in Sicht; ums Verrecken fällt dem Neuliteraten nichts
weiteres ein, mit rasanten Schritten nähert er sich der
Pleite. Da zeigt sich ein letzter Strohhalm: In der Zeitung
liest Springer von einem Kloster der Kirche der Herde Gottes,
das geschlossen werden soll. Eine Geschichte, denkt er, und
macht sich auf dem Weg. Statt den Stoff für einen Roman
oder wenigstens eine Reportage zu finden, wird Springer vom
Abt des Ordens aber für 20 Dollar zum Geistlichen
gekürt. So kommt der ehemalige Buchhalter und Buchautor
zum Beinamen Deuteronomius und zu einigen hundert Schäfchen.
Der weiße Springer wird nämlich der Pfarrer einer
schwarzen Gemeinde in Jax, Florida; und was er da erlebt und
vollbringt, das ist die eigentliche Story von Die schwarze
Messe: Er legt Gottesdienste hin, dass den Gläubigen
Hören und Sehen vergeht; er wird ohne jegliche Ahnung
von Theologie zum Beichtvater der Honoratioren; er zettelt
einen Aufstand gegen die Rassentrennung an und er lernt
die schöne Zahnarztgattin Merita kennen...
Schwarz ist Die schwarze Messe nicht etwa, weil
es um Teufelsanbeterei oder ähnliches ginge, sondern
weil Charles Willeford seinen (Anti-)Helden ohne einen Hauch
von Moral oder Ideologie kreiert hat: Reverend Deuteronomius
Springer verkörpert den Nihilismus in seiner reinsten
Form, er ist ausschließlich an sich und seinem Vorteil
interessiert; das Schicksal der anderen ist ihm völlig
Schnurz. Trotzdem oder gerade deshalb wird er
zum Dreh- und Angelpunkt diverser Prozesse und Entwicklungen,
die sich gewaschen haben, eben bis hin zum fiktiven Aufstand
gegen die Rassendiskriminierung in Jax, Florida... Aus heutiger
Sicht für die 50er Jahre eine geradezu
prophetische Gesellschaftsanalyse, die der Weiße Charles
Willeford da leistet; lakonisch und unbestechlich in Form
gegossen, gewürzt mit jeder Menge schwarzem Humor. Die
schwarze Messe ist nicht weniger als Weltliteratur des
20. Jahrhunderts, in Deutschland angekommen mit fünf
Jahrzehnten Verspätung. Und, nebenbei gesagt, der Beweis,
dass Kriminalromane auch ohne Mord klasse funktionieren können.
< zurück
|