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Rezensionen
Badische Zeitung vom Samstag, 4. September 2004
KRIMI
Verlorene Biografien
Wyatt hat Zweifel. An sich und seiner Arbeit. Ständig
ist er auf Reisen. Seine Projekte laufen nicht mehr gut. Er
sehnt sich nach einem trauten Heim. Wyatt ist schon über
40, Single und weiß nicht so richtig, wie das Leben
weitergehen soll. Jedenfalls wird es immer mühsamer.
Obwohl er in seinem Fach einer der Besten ist. Ja, das kommt
einem bekannt vor, die Welt ist unsicher geworden. Überall
heißt es, dass Biografien nicht mehr stringent verlaufen.
Bemerkenswert daran ist: Der australische Autor Garry Disher
erfand diese Figur schon vor zehn Jahren, und Wyatt ist nichts
anderes als ein Berufsgangster, spezialisiert auf präzis
geplante Raubüberfälle. "Crosskill", in
der deutschen Ausgabe "Willkür", ist der vierte
Band in der Wyatt-Reihe, die bei Pulp Master im Maas Verlag
erscheint. Disher hat seinem Helden wieder einen Hauch Ambivalenz
verpasst. Es sind genau diese Momente, die Wyatt sympathisch
machen: die Müdigkeit, die Melancholie, sein Arbeitsethos
und seine Genauigkeit, die ihn nicht vor dem Scheitern bewahren.
Aber man kann "Willkür" genauso gut als einen
präzis komponierten Thriller lesen. Wyatt hat mit einer
Melbourner Autoschieber-Familie noch eine Rechnung offen,
die ihn um die Früchte seiner Arbeit, sprich um 200 000
Dollar, gebracht hat. Doch während er seinen Coup plant,
hat das Syndikat in Sydney ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt
- unter solchen Bedingungen kann kein Gangster der Welt vernünftig
arbeiten. Mit seinem Freund Jardine startet Wyatt zum Gegenangriff.
Die Geschichte wird richtig kompliziert, da korrupte Bullen,
verräterische Komplizen und eine Mutter, die ihren Neo-Nazi-Sprössling
vor dem Knast bewahren will, ihm ins Handwerk pfuschen. Rasant
laufen die Handlungsstränge aufeinander zu. Zwei weitere
Romane mit dem Gangster sind bei Pulp Master in Planung, im
nächsten kommt der Freiberufler mit der Regierung in
Konflikt. Joachim Schneider
Perlentaucher:
Mord und Ratschlag von Ekkehard Knörrer
Immer wieder eine Bereicherung sind natürlich auch die
Bände des nicht minder kleinen Maas-Verlags, der in seinem
schmalen pulp master-Programm höchst zuverlässig
einen Band nach dem anderen um Garry Dishers kriminellen Helden
Wyatt herausbringt. Der Australier Disher ist mit konventionelleren
Werken wie "Der Drachenmann" inzwischen zu Ruhm,
besserem Einkommen und - fast möchte man sagen: leider
- größerer Ambition gekommen, sein Meisterstück
aber bleiben die Wyatt-Bände.
Wyatt ist, obwohl Berufsverbrecher, ein weit weniger schurkischer
Charakter als Patrick Bomans Kolonialpolizist Peabody. Er
macht diesen Job, weil er ihn kann. Er verdient damit sein
Geld und fertig. Er bemüht sich, keinen unnötigen
Schaden anzurichten und behält auch und gerade dann die
Nerven, wenn es um Leben und Tod geht. Was er allerdings gar
nicht brauchen kann, sind Leute, die ihm ins Handwerk pfuschen,
wie das Syndikat von Melbourne, das ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt
hat. Und schon gar nicht brauchen kann er das, als die Vorbereitungen
eines komplizierten Rachefeldzugs gegen den Mesic-Clan anlaufen.
Es ist also Schwerstarbeit zu leisten: Das Syndikat muss
umgestimmt werden - keine einfache Sache. Wyatt sucht die
Hilfe eines alten Freundes in Melbourne, gründlich mischen
die beiden die Geschäfte der Mafia auf. Das Vorhaben,
die Gangster von ihrem Kopfgeld abzubringen, scheint zu gelingen,
aber leider geraten ein paar Unwägbarkeiten ins Spiel,
die dafür sorgen, dass die Rechnung nicht so leicht aufgeht,
wie erhofft. Dishers Ethos als Autor ist dabei dem seiner
Figur durchaus zu vergleichen: Keine Fisimatenten. Kein überflüssiges
Herumpsychologisieren, Moralisieren oder Aufpolstern durch
überflüssige Nebenhandlungen. Der Job wird professionell
und glaubwürdig durchgezogen, die Details stimmen, die
Handlungsfäden sind straff gespannt, der Thrill ist hoch.
Ein auch der kongenialen Übersetzung wegen gänzlich
ungetrübter Lesegenuss für den Freund härter
gestimmter Kriminalliteratur. Zwei weitere Bände sind
bereits angekündigt: Her damit!
Garry Disher: "Willkür". Ein Wyatt-Roman.
Maas Verlag, Berlin 2004. Taschenbuch, 252 Seiten, 11 Euro
x.zine
Willkür - Disher, Garry
Rezension von Claus Kerkhoff
Aus der Reihe "Wyatt"
Wyatt, inzwischen 40 Jahre alt, kann auf eine 20-jährige
Karriere als Berufsverbrecher zurückblicken. Er hatte
"klein angefangen, sich zunehmend vervollkommnet, um
mit ungefähr dreißig, dann ehrgeizigere Vorhaben
anzupacken- Banken, Lohngelder, Goldvorräte." Jetzt
steckt er in einer kritischen Phase: Verschiedene Coups waren
in der jüngsten Vergangenheit schief gegangen und ihm
fehlt jetzt das Geld, weitere Coups vorzubereiten. Zu allem
Überfluss hat das Syndikat ein Kopfgeld auf seine Liquidierung
ausgesetzt und das macht down-under zu einem gefährlichen
Pflaster für ihn.
"Nicht zum ersten Mal musste er wieder bei null anfangen,
doch aus irgendwelchen Gründen stellte er seit neustem
langfristige Überlegungen an."
Und Wyatt hat noch eine offene Rechnung mit dem Mescis-Clan
zu begleichen. Sie hatten ihn in der Vergangenheit um 200,000
Dollar betrogen (von dem im dritten Wyatt-Roman "Hinterhalt"
erzählt wurde). Wyatt nimmt Kontakt über den pensionierten
Berufsverbrecher Rossiter zu seinem alten Partner Frank Jardine
auf. Gemeinsam stören die beiden erstmal die operativen
Geschäfte des Syndikats, um einerseits die Aussetzung
des Kopfgeldes auf Wyatt zu erreichen und andererseits einen
Vorschuss für die Ausschaltung des Mescis-Clan zu bekommen.
Aber ihre Pläne kollidieren mit den Interessen anderer,
die gänzlich andere Absichten verfolgen:
"Bisher war immer der Ertrag das bestimmende Motiv seines
Handelns gewesen. Diesmal jedoch hatten sich zusätzlich
Rachegedanken Einlass verschafft."
Victor und Leo Mesic: Nach dem Tod des Vaters, dem Clanchef
Karl Mesic, droht den beiden Brüdern der Verlust ihrer
lukrativen Geschäfte, weil Konkurrenten ihre Schwäche
auszunutzen versuchen.
Bax: Der korrupte Detective steht auf der Lohnliste des Mesics-Clans
und ist heimlicher Geliebter der Ehefrau von Leo, Stella Mesic.
Bax fürchtet nichts mehr als den Verlust seines Lebenstandards,
nämlich teure Klamotten und schnelle Autos.
Rossiter: Der ehemalige Berufsverbrecher hat sich aus seinen
früheren, erfolgreichen kriminellen Geschäften zurückziehen
müssen, als ein Killer ihn übel zurichtete, um Wyatts
damaligen Aufenthaltsort heraus zu bekommen. Eillen, seine
Ehefrau, und Niall, sein Sohn und Neonazi, sind deshalb gar
nicht gut auf Wyatt zu sprechen.
Napper: Der korrupte Sergant ist geschieden und die Alimentezahlungen
an seine Frau und Tochter haben ihn an den Rand des finanziellen
Ruins gebracht. Er sucht verzweifelt Geldquellen, um die sich
türmenden Rechnungen bezahlen zu können.
"Wollte er für den Rest seines Lebens so weitermachen?
Würde seine Courage ihm treu bleiben? Wenn er aufhörte
zu arbeiten (ein Ende durch Festnahme, Verletzung oder Tod
fand keine Berücksichtigung in seinen Erwägungen),
besäße er dann ein hinreichend dickes finanzielles
Polster für ein angenehmes Leben?"
Garry Disher erzählt einen komplexen Plot aus den unterschiedlichen
Perspektiven seiner Protagonisten. Souverän verknüpft
er dabei die einzelnen Erzählstränge, er wechselt
Schauplätze und Perspektiven, beschleunigt und bremst
das Tempo und man folgt gespannt und fasziniert seinen Geschichten.
Disher erschafft lebendige, unverwechselbare Charaktere, deren
Schicksal uns bis zum bitteren Ende fesselt. Die zunächst
ruhig dahin fließende Geschichte verdichtet sich mehr
und mehr bis hin zu einem furiosen Finale. Garry Disher erzählt
seine Geschichte sehr filmisch, knappe Beschreibungen, knappe
Dialoge. Sein Stil ist lakonisch, trocken und trotzdem packend.
Beeindruckend ist die düstere, hardboiled Atmosphäre
und die Zwangsläufigkeit, mit der die verschiedenen Interessen
der Protagonisten sich in einem großen, explosiven Finale
entladen.
Dishers Roman zeichnet sich aber auch durch Ironie, Humor
und Persiflage aus. Napper, die heimliche Hauptfigur, wird
bis an den Rand der Lächerlichkeit geführt und doch
ist er es, der die Zündschnur in Brand setzt.
"Er schüttelte den Kopf. Ich unterscheide mich
nicht im Geringsten von anderen Männern meines Alters,
dachte er, mache mir Gedanken über die Jahre bis zum
Ruhestand, bis zum Tod."
Garry Dishers Wyatt-Romane stehen in der Tradition Donald
E. Westlakes, der in den 60er Jahren Furore mit seinen Romanen
um den professionellen Dieb Parker machte. Dishers Protagonisten
sind ebenfalls Kriminelle und korrupte Bullen. Disher zeichnet
dabei seine Figuren als gewöhnliche Menschen mit normalen
privaten und beruflichen Problemen. Wyatt plant nicht den
großen Coup, sondern sein krimineller Job dient dem
ganz normalen Broterwerb. Seine jüngsten Fehlschläge
bedrohen seine Unabhängigkeit und zum ersten Mal macht
Wyatt sich Sorgen um seine Zukunft. Deutlicher als in seinen
früheren Romanen gibt Disher Wyatt menschliche Züge.
Er ist nicht mehr der eiskalte Profi, dem niemals Unsicherheit
oder Zweifel an seinen Fähigkeiten, eine riskante Situation
zu meistern, zu schaffen machen. Wyatt wird zunehmend bewusster,
dass er ein Anachronismus in den Zeiten von Kreditkarten und
elektronischen Geldtransfers ist, mit seinem Bestreben ausschließlich
Bargeld bei seinen Überfällen zu erbeuten. Mit Wyatt
hat Disher eine faszinierend ambivalente Figur geschaffen,
die man wider Willen sympathisch findet.
"Willkür" wird in einem Sog erzählt,
der den Leser mitreißt und ihn nicht ruhen lässt,
bis die 250 Seiten verschlungen sind. Ein absoluter page-turner.
Wyatt macht süchtig ... nach mehr Geschichten von Wyatt.
Garry Disher beweist mit seinem 4ten Wyatt-Roman seine große
Klasse. Er muss einen Vergleich mit dem großen Donald
E. Westlake nicht scheuen. Unbedingt empfehlenswert!!! www.x-zine.de
TAZ Crime Scene/ Kolja Mensing vom 21.8.2004
Gary Dishers australischer Berufsverbrecher Wyatt ist ein
Musterexemplar dieser Gattung, und nach langem Warten ist
nun endlich "Willkür", der vierte Band der
Serie, auf Deutsch erschienen. Es ist weniger die viel beschworene
"Ganovenehre" als der pure Selbsterhaltungstrieb,
der Wyatt nach einem misslungenen Coup in der "roten
Dreckswüste Südaustraliens" dazu bewegt, den
Kampf mit dem Melbourne-Syndikat aufzunehmen.
WDR vom 16.8.2004/ Ulrich Noller
Garry Disher: "Willkür"
Er hat seine Regeln, und er lässt niemals zu, dass sie
gebrochen werden. Wyatt ist ein Berufsverbrecher alter Schule.
Er operiert in Australien, bevorzugt in Melbourne. Ein kühler
Freiberufler, der Gewalt nur dann anwendet, wenn es sich nicht
vermeiden lässt - und der alle Schritte genau durchdenkt,
bevor er handelt.
In "Willkür" hat Wyatt eine alte Rechnung
zu begleichen: Eine lokale Melbourner Verbrecherfamilie namens
Mesic hat ihn um die Früchte seines letzten Coups betrogen.
Wyatt liegt auf der Lauer, kundschaftet Rituale und Gewohnheiten
seiner Gegner aus. Aber der Berufsverbrecher hat keinen guten
Stand: Er ist fast pleite - und ein großes Mafiasyndikat,
dem er in die Quere kam, hat ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt.
Allen detaillierten Plänen, aller Vorsicht zum Trotz
wird der Jäger deshalb bald auch zum Gejagten...
Ein korrupter Polizist arbeitet auf eigene Rechnung, um die
Unterhaltszahlungen für seine Tochter leisten zu können.
Eine Gangsterbraut wird zur Mörderin, um der elenden
Tristesse ihres Lebens zu entfliehen. Ein alternder Ganove
muss machtlos zusehen, wie er seinen Sohn an Rechtsradikale
verliert. Und ein Verbrecher alter Schule versucht zugleich,
sich weiter mit Hirn und Ehre durchzuschlagen, in einer Welt,
die immer mehr aus den Fugen gerät. Das sind einige der
Geschichten, die Garry Disher in "Willkür"
erzählt. Der Australier ist ein kompromissloser Erzähler
ohne Hang zur Versöhnlichkeit, ein eiskalter Analytiker,
ein unbestechlicher Moralist. Das Genre des Gangsterromans,
das beweist auch sein neuer Wyatt-Roman, hat Disher um eine
zeitgemäße Variante bereichert: Als ganz eigenen,
australischen Kommentar zum Überleben des Einzelnen im
wild wuchernden Kapitalismus.
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