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Rezensionen
"Kürzlich ist sein viertes Buch erschienen, Potsdamer
Platz. Die Geschichte spielt im September 1995 und verdankt
ihre Entstehung einem Zufall (...)³ Tip Berlin
"Ein Buch, das Nervenstärke erfordert wie alles
aus der Pulp-Master-Reihe des Maas-Verlags.³ P.O.S.
"Der Trashroman glänzt durch grandiose Dialoge,
Erzähllust und atmosphärische Dichte!³ Logo-
Das Stadtmagazin für Regensburg
"Pulp-Fiction für Fortgeschrittene! Seine Fangemeinde
wird stetig größer.³ Polylux ARD
"Man fühlt sich nicht besser, aber man muß
immer weiterlesen. Vielleicht sind es diese Untiefen unter
der coolen, harten Oberfläche des Pulp, die dafür
sorgen, daß man Buddy Giovinazzos Romane bis zu ihrem
bittern Ende nicht aus der hand legen kann.³ Tagesspiegel
Buddy Giovinazzo hat mit "mit seinem Buch Potsdamer
Platz die ultimative Antwort auf jüngere Berlin-Romane
vorgelegt.³ Berliner Morgenpost
"Der beste Berlin-Roman des Jahres.³ Zitty
"Ein Krimi mit allem Drumherum mit Leichen, mit Mafia,
mit Gangstern, mit Bräuten, mit schnellen Autos, mit
Drogen und einem kleinen I-Tüpfelchen: mit Tiefgang!³
ZDF Krimiportal
"Für Hartherzige.³ PRINZ
'Der Killer ist sympathisch, ein paar Seitenhiebe gegen die
USA setzt es auch ab, kein Wunder, daß Giovinazzo in
Amerika keinen Verleger findet.' FACTS
"Für Potsdamer Platz pflanzt der Gelegenheits-Berliner
und Tatort-Autor Buddy Giovinazzo ein paar sadistische Russen,
Killer aus New Jersey und andere in die Hauptstadt. Nach bester
US-Manier pfeift er auf originalgetreuen Naturalismus und
setzt auf Spannung. Zur Entspannung optimal und dabei der
Wirklichkeit oft näher.³ ROLLING STONE
"Der Italo-Amerikaner Buddy Giovinazzo hat sich ein
Kapitel deutscher Geschichte geschnappt, das die verschnarchten
heimischen Großstadtromanciers schlichtweg verschlafen
haben.³ Sonntagszeitung Schweiz
"Grandiose Dialoge, witzige Situationskomik, atmosphärische
Dichte, treffende Charaktere und seine zielsichere Dramaturgie
machen dieses Buch zu einem herausragenden Kriminalroman und
zu einem ganz eigenen Kommentar zu den Folgen der Globalisierung.³
WDR 5/Service Bücher
"Der Leser möchte die Augen schließen vor
dem Horror und verfolgt das Geschehen doch atemlos durch die
Augen von Tony, dem Ich-Erzähler und Helden dieses mit
Gewaltexzessen gespickten Romans.³ Sonntagsjournal/Nordsee-Zeitung
"Literarisch funktioniert das absurde Gemetzel reibungslos
und das liegt an den geschickten Beschleunigungen und Verzögerungen
in der Handlung.³ Steinschlag Berlin
"Jedenfalls ist mit Potsdamer Platz der Beweis erbracht,
daß der avantgardistische Noir auch in Deutschland seinen
Platz finden kann; daß es nur einen wagemutigen Autor
von Format braucht, um Berlin zu einer internationalen Hauptstadt
des Verbrechens zu machen.³ WDR/Funkhaus Europa
"Gerade weil Giovinazzo weiß, wie schwierig und
wie vielsagend es schon sein kann, die Überquerung einer
Straße filmisch zu inszenieren, gerade deshalb scheint
er ein solches Vergnügen daran zu haben, mit seiner Prosa
Berlin zu erschüttern.³ FAZ am Sonntag
"Die ausufernde Gewalt ist grell, plakativ, fast jahrmarktshaft
und seltsamerweise auch tröstlich zu lesen, wenn man
unglücklich ist. (...) Stilistisch liest sich das Buch
wie ein Film mit harten Schnitten, atmosphärisch erinnert
der Roman ein wenig an die Sopranos und Leonard Cohen.³
die tageszeitung
"Ein sehr phantasmagorischer, hammerharter Roman, der
tempo, Action, Blut, Gekröse und eingängige Bilder
galore liefert. Lesen sollte man ihn, wie das schöne
Vorwort von Frank Nowatzki empfiehlt, strikt auf der symbolischen
Ebene. (...) Aber als Stück Literatur fetzt es sehr schön.³
Leichenberg
"Deine Gewaltschilderungen sind brutal und schonungslos.
Gleichzeitig erzählt er seine blutige Geschichte aber
auch mit einer bemerkenswerten Sprachmacht und Poesie. Geradezu
erfrischend wirkt sein nüchterner Blick auf Berlin, der
frei ist von jedem Wiedervereinigungspathos oder oberflächlich
historischem Bewußtsein. (...) In diesem Sinne und wenn
man so will: einer der besten "Berlin-Krimis³ der
letzten Jahre.³ Amazon
"Mit dem genauen filmischen Blick durchleuchtet der
1960 in Stane Island geborenen Regisseur und Schriftsteller
Buddy Giovinazzo seine Wahlheimat. (...) Das Wohltuende an
diesem Killerblick auf Berlin ist, daß all die als Party-Kulisse
gefeierte Kaputtness hier einem schlichten Raster unterworfen
wird: Wo ist das Geld, wo ist die Gefahr?³ Jungle
World
"Sehr harte Kost unverblümt erzählt.³
Krimi-Couch
"Potsdamer Platz ist nichts für schwache Nerven.
Wer an so was aber Spaß haben kann, wird riesigen Spaß
haben.³ Perlentaucher
"Der Filmemacher Giovinazzo hat als Autor auch einen
Blick für die komischen Seiten Berlins. Trotzdem ist
dies ein Roman für hardboiled Fans und Dostojewski-Liebhaber.³
Newsletter der Glatteis-Krimibuchhandlung München
"Dem dort gerade erschienenen Titel Potsdamer Platz
von Buddy Giovinazzo prophezeit er in seinem Laden Bestsellerchancen.³
Christian Koch/ Hammett-Buchhandlung Berlin im BUCHMARKT
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 18.5.2003 / CLAUDIUS
SEIDL über Buddy Giovinazzos: "Potsdamer Platz".
Maas-Verlag. 13,80 Euro.
Ich hab noch einen Killer in Berlin
Der Filmemacher und Gewalt-Schriftsteller Buddy Giovinazzo
erschießt die deutsche Hauptstadt
Es soll ja Leute geben, fleißige Leser und Liebhaber
der deutschen Literatur, denen die meisten unserer Berlin-Bücher
zu blutleer und zu harmlos sind: zu viele Mädchen, die
rauchen und Tee trinken und dabei ein bißchen melancholisch
sind; zu viele Provinzler, die nachts, wenn es kalt wird in
Prenzlauer Berg, wieder von der Kindheit in kuscheligen Kleinstädten
träumen; viel zuviel Mode- und Szenegeschwätz, das
sich höchstens mal um kleinere Sex- und Drogen-Geschichten
dreht und letztlich auch nur auf das Fazit hinausläuft,
daß der Stadtbezirk Mitte unter den deutschen Kleinstädten
momentan die beliebteste ist. Zu wenig Risiko, zu wenig Mut,
auch mal ober- und unterhalb der eigenen Kleinbürgerexistenz
zu recherchieren, und nirgendwo eine Fallhöhe, welche
auch nur annähernd der Distanz etwa von der Spitze des
Fernsehturms bis hinunter, zum Boden, entspräche.
Vermutlich haben sie ja recht, diese skeptischen Leser - und
vermutlich darf man ihnen trotzdem nicht ohne weiteres den
Roman "Potsdamer Platz" von Buddy Giovinazzo als
Gegengift empfehlen: nicht ohne ausdrückliche Warnung
vor Risiken und Nebenwirkungen dieser Prosa jedenfalls; nicht
ohne den Hinweis, der nur scheinbar redundant ist, daß
man mit dem Wort Pistole niemanden erschießen kann.
Es ist nämlich so, daß Giovinazzo von New York
nach Berlin gekommen ist und von dort nicht bloß ein
anderes Tempo des Lebens und des Schreibens gewohnt ist, sondern
vor allem eine ganz andere Entschlossenheit, wenn es darum
geht, den Dingen und den Wörtern ins Auge zu sehen. Den
Stil Giovinazzos hätte man früher wohl "hardboiled"
genannt, hartgesotten also, was aber heute auch schon wieder.
nostalgisch klingt, nach schwarzweißen Filmen mit Männern
in Regenmänteln, studentenkinokompatibel, harmlos - und
was Giovinazzo von solchen Schauplätzen hält, demonstriert
er in einer Szene, in welcher ein Profikiller sich tatsächlich
in ein Berliner Studentenkino setzt, sich den ganzen Film
über langweilt, nur um dann einem Besucher, der kennerhaft
bis zum Ende des Abspanns sitzen geblieben ist, eine Kugel
in den dicken Bauch zu schießen. Es ist dies eine der
harmloseren Szenen in dem Buch, das damit beginnt, daß
zwei Profikiller aus New Jersey nach Berlin geschickt werden,
damit sie, im Auftrag der Mafia, einer verbündeten türkischdeutschen
Gang bei ihrem Kampf gegen deren russisch-deutsche Feinde
beistehen - und gleich am Anfang kommt es zu einer so unfaßbar
grausamen Schießerei, daß man, als unvorbereiteter
Leser, fast doch versucht ist, sich nach traurigen teetrinkenden
Mädchen in großen Altbauwohnungen zu sehnen. Es
ist das Jahr 1995, am Potsdamer Platz wird gebaut, wobei viel
Geld zu verdienen und noch mehr zu unterschlagen ist, und
weil Amerikaner wie Russen der Ansicht sind, daß die
Deutschen und ihre naturalisierten türkischen Brüder
die Sache viel zu brav angehen, kommt es in Berlin, sechs
Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, zu dessen Wiederholung
als grausames, lächerliches Satyrspiel, in dessen Verlauf
dreißig bis vierzig Gangster im Berliner Boden vergraben,
in Beton gegossen oder in die Spree geworfen werden, während
Berlin, die sogenannte Hauptstadt, in Gestalt ihrer verschlurften
Ureinwohner, gar nicht begreift, warum da plötzlich soviel
Lärm ist in den Nächten. Es liest sich, womöglich,
noch komischer, als es der Autor meint, wenn da beschrieben
wird, wie die Jungs aus New Jersey, die man sich seit der
Fernsehserie "Die Sopranos" ganz gut vorstellen
kann in ihren eitlen knallbunten Anzügen, mit ihren Kettchen
und den Schuhen mit viel zu hohen Absätzen, wie diese
Typen also, die schon überm Fluß, in Manhattan,
auf hundert Meter als Provinzler zu erkennen sind, sich lustig
machen über Berlin und seine Bewohner, -über den
Schmutz auf den Straßen und die schmuddelige Kleidung
derer, die diese Straßen bevölkern: Die haben einander
verdient, denkt man 'sich bei der Lektüre, und tatsächlich
verliebt sich einer der Killer in eine Studentin vom Prenzlauer
Berg, was weder ihr noch ihm besonders gut bekommt. Und dem
Prenzlauer Berg auch nicht wirklich. Manchmal meint man, eine
Satire auf die deutschen Verhältnisse zu lesen - wenn,
beispielsweise, die Amerikaner ihren widerstrebenden türkisch-deutschen
Partnern klarmachen wollen, daß die Löhne für
Schwarzarbeiter viel zu hoch sind und man denen, die bei den
Kämpfen verletzt wurden, nicht auch noch das Krankenhaus
bezahlen könne: Da hört man die Herren Sommer und
Schröder heraus; nur daß bei Giovinazzo solche
Meinungsdifferenzen mit Schußwaffen entschieden werden,
was man den deutschen Sozialpartnern dann lieber doch nicht
wünschen möchte. Trotzdem fördert es natürlich
Erkenntnis und Interesse, wenn Giovinazzo, der Fremde, das
Bild der Stadt erst mal vergrößert und vergröbert;
wenn er, um die versteinerten Verhältnisse in Bewegung
zu bringen, großkalibrige Munition und Sprengstoff und
Messer aller Größen einsetzt. Wenn der Lärm
der Schüsse verhallt ist und der Staub sich gelegt hat,
dann hat man das Gefühl, dieses Land durch Giovinazzos
Augen ganz neu zu sehen. Es sieht, abgesehen von der unendlichen
Schlaffheit seiner Bewohner, gar nicht so übel aus, gut
genug jedenfalls dafür, daß Giovinazzos Held, der
verliebte Killer, der hier die Lust am Töten verliert,
sich überlegt, ganz in Deutschland zu bleiben und irgendwo
in der brandenburgischen Wüste für eine Weile unterzutauchen.
Wer das für eine leichtfertige und womöglich zynische
Lesart hält, angesichts eines Plots, der immer die grausamste
unter allen möglichen Wendungen nimmt; wer sich schwertut
damit, einen Mann als Hauptfigur zu akzeptieren, der, nach
eigener Zählung, bis zum Moment, da er sich läutert
und dem Töten abschwört, dreiundzwanzig Menschen
erschossen hat - dem muß man vielleicht sagen, daß
Buddy Giovinazzo, auch Filmregisseur ist, was ein ganz anderes
Licht auf seine Prosa wirft. Giovinazzo, 196o in Staten Island,
New York, geboren, hat schon in den Achtzigern seinen ersten
U derground-Film inszeniert; er drehte in Deutschland eine
Folge für die Serie "Polizeiruf 110" und arbeitet
zur Zeit an einem "Tatort", der in Münster
spielt. Sein Stil als Filmer ist präzise, knapp - vor
allem aber ist sich der Regisseur Giovinazzo seiner eigenen
Mittel bewußter, als es die meisten seiner deutschen
Kollegen sind. Und so erklärt sich erst der Wahnwitz,
den Giovinazzo mit den Wörtern inszeniert. Sätze
nämlich, das muß wohl einmal so drastisch gesagt
werden, Sätze sind für einen Filmer auch nur Spezialeffekte,
die nichts kosten. Und da, wo jeder Produzent sagen würde:
zu teuer, zu aufwendig, und das Publikum wird verschreckt
- da fangen die Möglichkeiten der Sprache erst an, beim
Allerunwahrscheinlichsten. Gerade weil Giovinazzo weiß,
wie schwierig und wie vielsagend es schon sein kann, die Überquerung
einer Straße filmisch zu inszenieren, gerade deshalb
scheint er ein solches Vergnügen daran zu haben, mit
seiner Prosa halb Berlin zu erschüttern. Beziehungsweise
jene Sätze, in denen sonst solche Wörter wie, Berlin
Potsdamer Platz oder Kreuzberg vorkommen. Denn diese Sätze
sind ja fast so schlaff geworden wie das, wofür sie angeblich
stehen.
Wer das trotzdem zu anstrengend findet, sollte Tee trinken
und vielleicht ein bißchen rauchen bei der Lektüre.
Durchgedreht, verrückt, völlig irre das
sind die Attribute, mit denen man die Geschichten des Schriftstellers
und Filmemachers Buddy Giovinazzo am besten umreißen
könnte: Kaputte, dreckige und komplett illusionslose
Orgien der Gewalt und Niedertracht, die den Alltagswahnsinn
aus der Perspektive von ganz unten sezieren. Abgründe,
die bisher eigentlich nur in einer Metropole des Verbrechens
denkbar schienen, New York etwa; nicht aber in einer dagegen
eher beschaulich anmutenden Kapitale wie Berlin.
"Potsdamer Platz", Buddy Giovinazzos neuer Roman,
beweist indes das Gegenteil: Türkische und mafiarussische
Syndikate feilschen da in der Nachwendezeit auf die altbewährte
Art und Weise um lukrative Bauaufträge der deutschen
Regierung: Man bedroht sich, man haut sich, aber man tut sich
im Grunde genommen nicht weiter weh. Dann kommen die Amerikaner
ins Spiel: Gewinn maximierende Mafiastrategen entdecken die
Globalisierung für ihre Zwecke, am Potsdamer Platz wollen
sie die Probe aufs Exempel machen. Die Mafiosi schicken die
beiden Killer Hardy und Tony als Vorhut nach Deutschland
und damit nimmt eine Dimension an Gewalt und Verwüstung
ihren Lauf, von der man in der deutschen Hauptstadt bis dahin
noch nicht einmal albträumen konnte.
"Potsdamer Platz" ist keine Geschichte für
zarte Gemüter. Folter, Vergewaltigung, Mord es
gibt keine Spielart von Gewalt und Irrsinn, die in Giovinazzos
tiefschwarzem Roman nicht ausführlich und detailliert
zum Einsatz käme. Aber natürlich ist das alles ironisch
und symbolisch zu verstehen, Pulp Fiction für Fortgeschrittene.
Und hinter all dem Blutrausch und Stahlgewittern verbirgt
sich ein Juwel: Grandiose Dialoge, witzige Situationskomik,
hochtourige Erzähllust, atmosphärische Dichte treffende
Charaktere und seine zielsichere Dramaturgie machen "Potsdamer
Platz" zu einem herausragenden Kriminalroman.
Mit der Berliner Echtzeit haben all die Schießereien,
Verfolgungsjagden und Konflikte natürlich nur sehr vermittelt
zu tun. "Potsdamer Platz" ist nicht Reportage, sondern
Knallbude, überdrehtes Spiel, extreme Unterhaltungsliteratur.
Auf welche Art und Weise Buddy Giovinazzo Realität in
seinen Trashroman nebenbei dann doch einbaut, das ist allerdings
bemerkenswert: Zum Beispiel, wenn in einer kleinen Szene,
in der es um die Konsistenz von Beton geht, die Folgen der
Globalisierung demonstriert werden. Oder wenn der Autor aus
der Sicht seines etwas weltfremden New Yorker Killers das
Kreuzberger Zusammenleben von Deutschen, Türken und Russen
spiegelt. Dieser atmosphärische Realismus gibt dem literarischen
Spiel die Schwere und Dichte, die es braucht, um nicht nur
ein literarisches Ereignis, sondern auch gesellschaftlich
relevant zu sein.
Jedenfalls ist mit "Potsdamer Platz" der Beweis
erbracht, dass der avantgardistische Noir auch in Deutschland
seinen Platz finden kann; dass es nur einen wagemutigen Autor
von Format braucht, um Berlin zu einer internationalen Hauptstadt
des Verbrechens zu machen. Man darf nun gespannt sein, ob
das alles auch in einer Kleinstadt wie Münster funktioniert.
Da dreht Buddy Giovinazzo als Regisseur nämlich gerade
für den WDR einen Tatort ab.
Ulrich Noller im WDR
Buddy Giovinazzo: Potsdamer Platz. Maas Verlag 2003. Euro
13,80
Richtige Schweinebacken hingegen tummeln sich in Buddy Giovinazzos
Potsdamer Platz (Pulp Master). Ein noir-noir-noir-Roman, in
dem eine US-amerikanische Firma der eigennützigen Art
über eine dito türkische Vereinigung an Grundstückfilets
am Potsdamer Platz ranwill, und dabei einer Russo-Stasi-Firma
in die Quere kommt. Es wird blutig, sehr blutig, und der Chef-hitman
der Amis kommt ins Grübeln. Ein sehr phantasmagorischer,
hammerharter Roman, der Tempo, Action, Blut, Gekröse
und eingängige Bilder galore liefert. Lesen sollte man
ihn, wie das schöne Vorwort von Frank Nowatzki empfiehlt,
strikt auf der symbolischen Ebene. Denn Berliner Realitäten
findet man nur ganz, ganz vermittelt. Aber als Stück
Literatur fetzt es sehr schön. Thomas Wörtche
im Plärrer/Leichenberg
berlin buch boom
Sinnkrise eines Killers: Buddy Giovinazzos Berlin-Krimi "Potsdamer
Platz" Bandenkriege gegen Depression und Langeweile
Buddy Giovinazzo ist ein schöner, einprägsamer
Name. Der US-Autor und Filmemacher ist Anfang 40, lebt zwischen
Los Angeles und Berlin, führt ab und zu Regie in Filmen
wie dem "Polizeiruf 110" und schreibt harte Krimis,
die auf Deutsch allesamt in der sehr schön gestalteten
Taschenbuchreihe "Pulp Master" im Berliner Maas-Vrlag
erschienen sind. Die Reihe ist eine Referenz an die Pulp-Magazine
und Paperback-Originalausgaben der 30er-, 40er- und 50er-Jahre,
in denen große amerikanische Realisten wie Raymond Chandler,
Dashiell Hammett, Burroughs und Kerouac ihre Geschichten veröffentlicht
haben.
"Potsdamer Platz", das dritte Buch von Buddy Giovinazzo,
setzt "neue Maßstäbe in punkto Action, Pace
& Brutality", heißt es im Klappentext. Mafiosi
kommen aus den USA, um türkischen Kollegen im Kampf gegen
die russische Mafia behilflich zu sein. Sie verfolgen dabei
natürlich ihre eigenen Interessen. Es geht um die Kontrolle
der Baustelle am Potsdamer Platz, die im Roman bedeutender
wirkt als in Wirklichkeit.
In schnelllebigen Koalitionen bekämpfen die Gangster
einander und sind dabei nicht zimperlich. Smarte deutsche
Päderasten, harte Burschen mit abgeschnittener Hand,
Schmerzspezialisten und krasse Psychos sind auch dabei. Hardy
etwa, der Partner von Tony, dem Ich-Erzähler, improvisiert
gerne, lässt sich hinreißen, schneidet seiner Gespielin
beim Liebesspiel auch schon mal die Brustwarzen ab, die seinen
Kumpel dann im weißen Waschbecken begrüßen,
wenn er nach Hause kommt und sich die Zähne putzen will.
Die Gegenseite hängt Gegner - wie in Hannibal oder dem
Texas Chainsaw Massacre - an Fleischerhaken auf, lässt
sie ausbluten und bemalt mit ihrem Blut die berlinüblich
hohen Wände. Die "kolumbianische Krawatte"
zu binden - den Hals des Gegners im Kampf um die Märkte
zunächst aufzuschlitzen und dann die Zunge durch den
Schnitt zu ziehen - ist "keine leichte Aufgabe",
aber eine große Herausforderung. Die ausufernde Gewalt
ist grell, plakativ, fast jahrmarktshaft und seltsamerweise
auch tröstlich zu lesen, wenn man unglücklich ist.
Es geht aber nicht nur um Bandenkriege, von denen zu lesen
immer dann besonders viel Spaß macht, wenn das ja eigentlich
so leicht depressiv, verschlafen und ereignisarm wirkende
Berlin der Ort des Geschehens ist; es geht vor allem um Tony,
den jungen aufstrebenden Auftragskiller, der seine blutigen
Jobs kontrolliert, wenn auch stets unter harten Beruhigungstabletten,
auszuführen pflegt und seine Verwandlung. Der harte Killer
mit der klassisch krassen Vergangenheit beginnt in Berlin
am Sinn seiner Arbeit zu zweifeln; entwickelt Gefühle,
ohne jetzt gleich moralisch zu werden, verliebt sich in eine
Medizinstudentin und ehemalige Junkiefrau aus dem Osten, lebt
in Kreuzberg, treibt sich in Mitte-Clubs herum, isst gerne
Haschplätzchen. Einerseits ist sein Blick auf die Stadt
recht oberflächlich und reich an zuweilen aber auch wieder
lustig überzogenen Klischees (über Marzahner Neonazis
oder "die Türken"), andererseits stellt er
die Qualitäten Berlins heraus; die melancholische Langsamkeit,
die Möglichkeit, noch halbwegs anständig am Rand
der Gesellschaft zu leben, die es sonst in keiner anderen
westlichen Großstadt gibt.
Stilistisch liest sich das Buch wie ein Film mit harten Schnitten,
atmosphärisch erinnert der Roman ein wenig an die "Sopranos"
und Leonard Cohen, der ja das Eingangslied für die wunderbare
amerikanische Mafia-Serie, die in Deutschland nicht richtig
ankam, und auch den schönen Song für "Natural
born killers" gemacht hatte. Im Prinzip gibt es nur eine
wirkliche, ein wenig ärgerliche Schwachstelle; nämlich
die zeitliche Einordnung. Einerseits wird am Potsdamer Platz
noch gebaut; andererseits hat es sich der Autor nicht verkneifen
können, ab und an den elften September reinzunehmen.
DETLEF KUHLBRODT / TAZ
Wo ist das Geld?
In Buddy Giovinazzos Roman »Potsdamer Platz« scheitert
die amerikanische Mafiagewalt am neuen Berlin. von ambros
waibel
Sprechen wir nicht von Hardy. Zwar ist Hardy erklärtermaßen
tot (»er war nicht schnell genug, um zu verhindern,
dass ich ihm das Hirn aus dem Schädel blies«),
aber allein die Vorstellung, dieser irre, ultrabrutale Mafia-Killer,
dem sogar seine Kollegen »unamerikanisches Verhalten«
bescheinigen, liefe doch noch irgendwo in Berlin herum, muss
beunruhigen.
Sprechen wir also lieber von Tony. Tony ist der andere Mafioso
(»Was machst du hier?« »Ich bringe Leute
um.« »Gefällt dir das?« »Mitunter.«),
der Mann, der uns von Hardy befreit hat. Tony und Hardy sind
Riccardo Montefiores Vorauskommando in Berlin. Wir schreiben
das Jahr 1995, und der Mob aus Newark, New Jersey (»Von
wo genau kommst du?« »Newark, New Jersey.«
»Hab ich noch nie gehört.« »Da bist
du nicht die Einzige.«) ist auf Globalisierungskurs.
Montefiore sagt: »Das Wichtigste im Leben ist Sicherheit,
Tony. Doch je enger die Welt wird, desto schwieriger wird
es auch, für sich und seine Familie zu sorgen. Darum
müssen wir umdenken und die Welt aus einem anderen Blickwinkel
betrachten. Wir müssen global denken. Da draußen
liegen Milliarden von Dollar, die nur darauf warten, geerntet
zu werden. Milliarden!«
Dass die Mafia eine Affinität zu Großbaustellen
hat, weiß man ja nicht nur aus den einschlägigen
Filmen. Am 28. September 2001 etwa titelte die New York Post:
»Mafia plündert WTC.« Die Polizei hatte auf
drei Schrottplätzen 150 Tonnen Schwermetall entdeckt,
die Lastwagen einer der Mafia zugerechneten Baufirma auf ihrem
Weg von Ground Zero dorthin umgeleitet hatten. Ihr eigentlicher
Bestimmungsort war eine still gelegte Müllhalde, wo aller
Schutt sortiert und nach menschlichen Überresten und
Hinweisen durchsucht werden sollte.
Der Potsdamer Platz, einst als größte Baustelle
Europas beworben, bietet also ein schlüssiges Ziel für
angestrebte Abzockereien. Eine dort engagierte türkische
Baufirma aus Kreuzberg, deren Chef mit Montefiores Frau verwandt
ist, bittet den amerikanischen Freund um Unterstützung
gegen die konkurrierende Russen-Stasimafia. Noch Fragen? »Warum
habt ihr nie damit gedroht, zur Polizei zu gehen? Vielleicht
hätte sie das abgeschreckt?« »Wir sind Ausländer!
Du glaubst, die würden uns helfen?« Warum eigentlich
nicht? Darum nicht: »Wie ein Ziegelstein saß der
Kopf auf der steifen grünen Uniform; Augen, kalt wie
Chrom, dazu Lippen, die wie zwei vertrocknete Würmer
unentschlossen aufeinander klebten.« Okay.
Sprechen wir im Folgenden nicht von den abscheulichen Details
(Hardy!). Jedenfalls scheitert die feindliche Übernahme
denn selbstverständlich ist das Hilfsangebot Montefiores
höchst eigennützig der Newarker Gang gründlich.
Die Russen sind zu entschlossen, es ist ihr Hinterhof; und
die Türken sind nicht so unterwürfig und so freundlich-naiv,
wie sie sich geben, wie es Montefiores Gang (und manch andere)
gern hätte; und Tony weiß es von Anfang an: »Wir
können nicht gewinnen. Ich weiß es, du weißt
es, und die wissen es auch. Die Firma hat hier keine Chance.
Wir hätten niemals herkommen sollen.«
Sprechen wir also von Tony. »Potsdamer Platz«
ist nicht zuletzt der Entwicklungsroman eines Killers, der
keiner mehr sein möchte, der es vor allem aber nicht
mehr sein kann, der es nicht mehr bringt. Dass er den Absprung
nicht allein schafft, sondern bei einem Auftrag die Studentin
Monika aus Prenzlauer Berg trifft (bzw. überfährt)
und sie zum Rettungsengel stilisiert, ist sein Verhängnis:
»Eure Welt ist ein gottloser, verwaister Ort! Ein Ort,
wo man töten und terrorisieren kann, wo man unschuldige
Kinder ermordet und dann glaubt, ein normales Leben mit einer
Studentin führen zu können. Als würde die eine
Handlung die andere nicht vergiften.«
»Potsdamer Platz« ist ein Thriller mit vielen
Pointen, die Pointen bleiben sollen. Sprechen wir also lieber
von Berlin. Mit dem genauen, filmischen Blick durchleuchtet
der 1960 in Staten Island geborene Regisseur und Schriftsteller
Buddy Giovinazzo seine Wahlheimat: »Ost-Berlin ist wie
die Lower East Side, nur ohne Verbrechen. Es ist eine der
schönsten Städte, in denen ich jemals war«,
sagt er im Interview. Der Mafia-Ausflug startet am Flughafen
Tegel (»Shit, der ist ja kleiner als Newark«),
führt zunächst nach Kreuzberg: »Die Straßen
waren voller Frauen mit Kopftüchern und in langen Gewändern,
Kinder mit dunklem Teint spielten Fußball auf einem
Platz, an dem auch alte Männer mit grauen Bärten
Obst und Gemüse aus dem Kofferraum ihrer Autos verkauften.
Überall liefen Hunde frei umher und vor jedem Lokal standen
Tische und Stühle, saßen junge Leute, tranken Kaffee
und unterhielten sich; es schien, als hätte die Welt
ihre Geschäftigkeit für einen Moment eingestellt,
um ein wenig Luft zu holen. Hardy starrte aus dem Fenster
und sagte: Scheiße, wo zum Teufel sind wir? Downtown
Kairo?« Der erste Auftrag führt nach Osten.
»Hardy zeigte auf einen hohen schmalen Turm mit einer
dicken silbernen Kugel in der Mitte und meinte, der sehe aus,
als wolle er gerade zum Mars starten.« Und dann immer
weiter nach Osten: »Wir fuhren in einen Stadtteil, der
Köpenick hieß. Er lag südöstlich von
Marzahn und sah aus wie Beirut an einem trüben Tag: Ruinen,
geschlossene Läden, das Kopfsteinpflaster der Straßen
voller Schlaglöcher und Krater, alles schmutzig, alles
grau, das Elend hing wie ein Atompilz über der gesamten
Gegend.« Bis man endlich am Ziel, am Potsdamer Platz
ist: »Es war die gewaltigste Baustelle, die ich je gesehen
hatte! Es mußte sich hier um die Ausmaße von zirka
zwanzig Straßenblocks in New York City handeln. Hier
mußte gut eine Milliarde jungfräulicher Dollar
nur darauf warten, endlich genommen zu werden.«
Das wohltuend Verwirrende an diesem Killerblick auf Berlin
ist, dass all die als Party-Kulisse gefeierte Kaputtness hier
einem schlichten Raster unterworfen wird: Wo ist das Geld,
wo ist die Gefahr? Durch die Fenster großer, dunkler
Limousinen, zwischen zwei Jobs, sieht Tony die Clubgänger
nett, harmlos, unbeleckt und jung-dumm frühmorgens durch
die Straßen ziehen. Und da, wo einem klar wird, dass
Tonys sehnsüchtiger Blick einfach der des normalen, sauberen,
ein wenig abgespannten Geschäftsmanns ist, der die verfallenen
Häuser nicht als Location, sondern ausschließlich
als Verwertungsobjekte zu betrachten gewohnt ist da
fällt einem ein, wie nett, harmlos, wie unbeleckt, wie
jung-dumm die Mehrzahl dessen gewesen ist, was hierzulande
seit den Neunzigern so als Berlin-Roman durchging, wie unangemessen
den Vorgängen in dieser Stadt. Und denkt man Giovinazzo
weiter, so kommt man zu dem Ergebnis, dass die amerikanische
Mafia allein deswegen in der deutschen Hauptstadt scheitern
müsste, weil der Platz schon vergeben ist.
Sprechen wir also nicht weiter von Hardy und Tony, erzählen
wir von Kirch, dem Bundestag und der Bankgesellschaft, erinnern
wir an die gute alte Westberliner Baumafia. Lassen wir die
Russen in ihren Baucontainern in Frieden! Lets talk
about Zehlendorf! Ambros Waibel / Jungle World
Mord und Ratschlag Nichts für schwache Nerven 13.05.2003
Blutig: Buddy Giovinazzos "Potsdamer Platz".
Sie glauben Berlin zu kennen? Sie werden es nicht wiedererkennen,
wenn Sie es durch die Augen von Tony zu sehen bekommen, den
Helden von Buddy Giovinazzos soeben erschienenem Roman "Potsdamer
Platz". Tony kommt, zu Beginn, angeflogen aus den USA,
stellt fest, dass der Flughafen Tegel sogar noch kleiner ist
als der von Newark, New Jersey, seiner Heimatstadt. Dann legt
er erst einmal eine Handvoll Leute um. Behilflich ist ihm
dabei sein Kumpel Hardy, ein Psychopath, der tötet, ohne
Hirn, ohne Herz, und darin anders als Tony, dazu gleich mehr.
Die beiden kommen nach Berlin im Auftrag Riccardo Montefories,
der ein Mafia-Boss ist in New Jersey (richtig, ganz wie bei
den "Sopranos") und ins alte Europa expandieren
will. Eine Anfrage des türkischen Bauunternehmers Yossario
kommt ihm gerade recht, er will sich, mit dessen Hilfe und
ohne dessen Wissen, die lukrativen Bauaufträge am Potsdamer
Platz unter den Nagel reißen, wir befinden uns im Jahr
1995.
Das Problem, das es auszuräumen gilt, ist die russisch-deutsche
Mafia- und Stasi-Mischpoke, die ihr eigenes Süppchen
kochen will. Deshalb die amerikanischen Killer, dergleichen
hat der deutsch-türkische Markt nicht zu bieten. Es geht
dann aber schief, was schief gehen kann. Hardy tötet
die Tochter des Russenmafia-Chefs, der zum Gegenschlag ausholt.
Bald ist die ganze Italo-Mafia aus New Jersey angereist, um
Ordnung in die zunehmend eskalierende Auseinandersetzung zu
bringen. Man kann sich denken, dass das nicht funktioniert.
Die Art jedoch, wie es nicht funktioniert, sollte man sich
besser nicht auszumalen versuchen. Buddy Giovinazzo übernimmt
den Job für uns, manchmal muss man sich dabei die Hand
vor die Augen halten und vorsichtig durchblinzeln: es ist
auch dann noch blutig genug.
Es kann jetzt aber keiner mehr sagen, das ginge nicht: Hard-Boiled-Literatur
der richtig wüsten Sorte in deutschen Landen (naja, es
gibt Leute wie Tim Staffel, aber das ist das intellektuelle
Spiel mit blutigen Versatzstücken: Giovinazzo ist dagegen
"the real thing"). Der Trick ist einfach, aber er
funktioniert. Die Gewalt wird mit denen, die sie ausüben,
importiert und Berlin erhält, durch die Augen eines amerikanischen
Killers, einen blutroten Anstrich, der sitzt wie angegossen.
Zusätzlich gibt es einige politisch gewiss nicht korrekte
Verfremdungseffekte (erste Begegnung mit Kreuzberg: "Scheiße,
wo zum Teufel sind wir hier? Downtown Kairo?"), Neo-Nazis
und vor allem einen Killer, der zusehends ans Ende gerät
mit seinem Mord-Latein. Der heimgesucht wird von Skrupeln,
der sich verliebt in eine deutsche Studentin.
Giovinazzo - selbst Amerikaner in Berlin, Schriftsteller
und vor allem Filmemacher (beim letzten, exzellenten "Polizeiruf"
mit Edgar Selge führte er Regie) - gibt Tony viel Raum,
vor allem in Form von Rückblenden auf dessen Kindheit
und Jugend und erste Erfolge im Reiche Montefiore. Auf kurzschlüssige
psychologische Erklärungen will das zum Glück nicht
hinaus, rundet sich eher zum weitgehend klischeefreien Porträt
eines Mannes, dem gerade seine ganze Existenz unter den Händen
wegbröckelt und der in einer Weltgegend landet, von der
man sich in New Jersey keine Vorstellung macht. "Potsdamer
Platz" ist nichts für schwache Nerven. Wer an sowas
aber Spaß haben kann, wird riesigen Spaß daran
haben. Ekkehard Knörrer im Perlentaucher
Aus der Amazon.de-Redaktion
Erinnern Sie sich an die Anfangsszene des Films Pulp Fiction
von Quentin Tarantino, als sich die beiden Killer während
der Autofahrt zu einem Auftragsmord über das "alte"
Europa und die dortige Legalisierung von Haschisch und die
Unterschiede von Big Macs unterhalten? In etwa so dürfen
Sie sich die beiden Mafiakiller Tony und Hardy in Buddy Giovinazzos
Potsdamer Platz vorstellen, die von ihrer "Firma"
nach Berlin geschickt werden, um dort dem türkischen
Bauunternehmer Yossario gegen die Russenmafia zu helfen. Was
den beiden allerdings verschwiegen wird: Ihre New Yorker Bosse
bereiten einen Mafiakrieg vor und wollen sich damit ein großes
Stück vom Kuchen des boomenden Baugeschäfts im Berlin
der 90er Jahre abschneiden, um in die neue Märkte zu
expandieren.
Doch alles was schief gehen kann, geht für die beiden
schief. Bei ihrem ersten Auftragsmord kommt eher ungewollt
die 14-jährige Tochter eines russischen Mafiabosses um,
was dem Clan bitterer aufstößt als das angerichtete
Gemetzel unter seinen Mafia-Rotarmisten. Zudem überfordert
die fremde Kultur der Großstadt die beiden abgebrühten
Killer völlig. Diese Orientierungsprobleme führen
nicht nur den ziemlich durchgeknallten Hardy in die Arme von
Neonazis. Schlimmer noch erwischt es Tony: Die verfahrene
Situation des Berliner Mafiakrieges widert ihn an. Er kommt
ins Grübeln, Jugenderinnerungen beginnen ihn zu plagen
und plötzlich bekommt er auch berufliche Skrupel. Einen
Auftragsmord an einem Unschuldigen kann er so nicht vollenden
und fährt sein schwer verletztes Opfer sogar ins Krankenhaus.
Dort verliebt er sich dann zu allem Überfluss noch in
die junge Krankenschwester Monica.
Nach seinem großartigen New-York-Roman Broken Street
legt Buddy Giovinazzo ein weiteres eigenwilliges Großstadt-Epos
vor. Potsdamer Platz ist aus der Perspektive eines Killers
erzählt. Dabei kann Giovinazzo, der auch erfolgreich
als Filmregisseur arbeitet (u.a. No Way Home, dt. Unter Brüdern),
seine Herkunft vom Splatterfilm nicht verleugnen: Seine Gewaltschilderungen
sind brutal und schonungslos. Gleichzeitig erzählt er
seine blutige Geschichte aber auch mit einer bemerkenswerten
Sprachmacht und Poesie. Geradezu erfrischend wirkt sein nüchterner
Blick auf Berlin, der frei ist von jedem Wiedervereinigungspathos
oder oberflächlich historischem Bewusstsein. Sein "Amerikaner
in Berlin", der Killer Tony, hat vom deutschen Tuten
und Blasen keine Ahnung und so entdeckt man die boomende Hauptstadt
aus überraschenden Blickwinkeln.
Giovinazzos Poesie menschlicher Abgründe ist sicher
ambivalent, vor allem weil man sie sich vor dem Hintergrund
Berlins so kaum vorzustellen vermag. Doch wenn seine Helden
panisch durch die Berliner Hinterhöfe flüchten oder
der sentimentale Killer Tony durch die getönten Scheiben
seines Autos melancholisch auf die grauen Pflasterstraßen
Ostberlins blickt, dann packt das. In diesem Sinne und wenn
man so will: einer der besten "Berlin-Krimis" der
letzten Jahre. -- Christian Koch (Buchhandlung Hammett)
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