Rezensionen – Der Vergewaltiger

Mit einer erzählerischen Leichtigkeit und einem literarischen Wagemut, wie ich es lange nicht mehr lesen durfte, werden Genregrenzen niedergerissen, wird allem Bekannten eine lange Nase gezeigt. Eine außergewöhnliche Tour de Force: ambitioniert, intellektuell anregend und unglaublich einfallsreich. Ein Fest! So ganz anders als ein Großteil dessen, was ich in dem Bereich bisher gelesen habe. Und keiner sagt, es müsse gefallen! – Buechertreff

1952 erschien „Der Mörder in mir“ von Jim Thompson, und die Kriminalliteratur war seitdem nie Edgertonwieder dieselbe. Leserinnen undLeser befanden sich plötzlich im Kopf eines Kriminellen und konnten sich der Faszination, welche diese Erfahrung auf sie ausübte, nicht entziehen. 2016 (bzw. 2014) führt Les Edgerton dieses Experiment fort, nur gehört der Kopf diesmal einem intellektuellen Vergewaltiger, der in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartet. Dabei hinterfragt der Mann weniger seine Tat, die er offen zugibt, als vielmehr Logik, die hinter seiner Verurteilung steht – und damit die Vorstellungen und Werte der Gesellschaft selbst. Ein stellenweise unerträglicher Roman, den man nicht einfach liest, sondern mit dem man sich auseinandersetzt. Mit dem man kämpft. Und der genau deshalb unbedingt lesenswert ist. – Der Schneemann

Eigentlich ist der Gefangene Truman Ferris Pinter ein ganz angenehmer Mensch: höflich, belesen, reflektiert. Vielleicht etwas selbstgefällig, aber sogar die Wärter schätzen ihn als umgänglichen Zeitgenossen. Das Problem ist nur: Truman ist ein Monster. Er hat eine junge Frau vergewaltigt und ermordet. Ihren Körper achtlos weggeworfen. Jetzt sitzt er fest. In der Todeszelle. Und wir, die Leser, mit ihm. Festgekettet an Truman, der sich genüßlich die eigene Hinrichtung ausmalt. Pausenlos redet er auf uns ein – anmaßend, überheblich. Was für ein feiner Kerl er doch sei. Wie wenig sich ein Genie wie er um die Gesetze der Menschen scheren müsse. Und überhaupt: Die Sache mit der Vergewaltigung und dem Mord sei ganz anders gelaufen. Zugegeben: „Der Vergewaltiger“ ist harte Lektüre. Der Leser wird zum Beichtvater eines Psychopathen. Nur, dass der keine Beichte ablegt, sondern ein Glaubensbekenntnis. „Der Vergewaltiger“ von Les Edgerton: Dieses Buch liest man nicht. Man muss es aushalten. – Kulturzeit, Krimibuchtipps, 3Sat, ZDF

Wieder einmal eine Neuentdeckung von Frank Nowatzki: Leslie Edgerton, 1943 in Texas geboren, blickt auf eine wechselhafte Vergangenheit und inzwischen achtzehn Bücher zurück.  Der Vergewaltiger ist eine seltsame, verstörende Lektüre, der Leser ist, sofern er sich auf die Umgarnungsversuche des Ich-Erzählers einlässt, Mitgefangener in der Todeszelle und seiner Suada. In der er seine erbärmliche Tat zu einer außergewöhnlichen Begebenheit seines Gentleman-Daseins hochjazzt. In seinem lesenswerten Nachwort zieht Ekkehard Knörer, der in den Anfangsjahren Mitglied der Jury der Krimibestenliste war, Vergleiche zu Jim Thompsons Killer Inside Me. Mir stießen bei der Lektüre Parallelen zu Jack Londons Gefängnisroman Die Zwangsjacke auf: Der Text zieht dem Leser den Boden unter den Füßen weg, unklar, was Fantasie, was Realität ist. – Tobias Gohlis, Krimizeitbestenliste

Es braucht einen ziemlich weiten Krimibegriff. Wie überhaupt (wenn man den „Vergewaltiger“ dann doch zweimal liest) das ganze lyrische, literarische Netz passt, auf dem Les Edgerton seinen Roman erzählt, den man als Kriminalroman nur mit einem extrem weiten Krimibegriff bezeichnen kann. Der zeitphilosophische Motor, der Edgertons teuflische Maschine antreibt, ist der britische Soldat, Flugingenieur, Fliegenfischer und Philosoph John William Dunne, wegen dessen Analyse wenigstens Ekkehard Knörers feines Nachwort gelesen werden sollte. Edgerton, dem Trumans Gefängnisgeschichten deswegen besonders intensiv gelingen, weil er selbst vor seiner Literaturkarriere vier Jahre im Pendleton Reformatory einsaß, einem besonders gruseligen Knast in Fall Creek/Indiana, Edgerton also schlägt einem ein literarisches Experiment um die Gehirnzellen, das funkelnde psychologische Passionsfestspiel von einem, der, um im Osterbild zu bleiben, Schächer ist (Vatermörder und Vergewaltiger) und sich als Gottessohn begreift. Fies, kaum zum Aushalten, aber toll. – Elmar Krekeler, Literarische Welt

Womit dieser Roman jedoch massiv punkten kann: die lässig ungeschminkte Sprache Edgertons und die Form, in der Autor seine Geschichte gießt. Er trägt uns durch Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Das besticht durch Eleganz. Genauso wie die Tatsache, dass der Protagonist auch fliegen kann. Im Wortlaut. Nicht träumen, sondern fliegen. Herrlich, die Schreie der Literaten: „Bewahre! Levitation, ein fantastisches Element. Eskapisten, Wolkenkuckucksheimbauer!“, rufen sie, „allesamt!“ Während die Freunde der fantastischen Literatur empört zurückbrüllen: „Ihr Bedeutungsschinder, Schwafeler!“ Auch die Liebhaber des Krimis bekommen ihr Fett weg: „Billige Effekthascher! Genresklaven!“ Irgendwann schreit jeder den anderen an. Was wären wir nur ohne diese literarischen Grabenkriege und Schubladen? Womöglich weltoffen, interessiert und fair? Lassen Sie sich also auf das Fliegen ein, denn so ein Flug kann großartig sein. Zumindest vor dem Fall, wie Ikarus und Pinter wissen.
-Katja Bohnet, Culturmag

„Der Vergewaltiger“ ist eine Mischung aus Lamento und Manifest, erzählt aus der Todeszelle, voller biografischer und kulturtheoretischer Abschweifungen, durchsetzt mit „Wo war ich stehen geblieben?“-Floskeln. Der Leser schaut direkt ins Hirn des Mörders. Was er sieht, ist erschreckend. Pinter hält sich für den Übermenschen, er arbeitet daran, die Schwerkraft zu überwinden. Schweben kann er schon, am Tag X will er davonfliegen. Romane aus der Perspektive eines Täters verstören. Das war schon bei Jim Thompsons Klassiker „Der Mörder in mir“ so, zuletzt berichtete in Ottessa Moshfeghs Historienroman „McGlue“ ein Seemann davon, wie er einem Freund den Schädel spaltete. Beim „Vergewaltiger“ irritiert vor allem die Seelenruhe des Geständnisses. „Im Gefängnis hat der Mensch keine Persönlichkeit mehr, er stellt nur ein geringfügiges Verwaltungsproblem da“, wusste Raymond Chandler. Verwaltet zu werden ist für Truman Ferris Pinter das Glück. -Christian Schröder, Der Tagesspiegel

Ein Kriminalroman ist Les Edgertons „Der Vergewaltiger“ nur am Rande. Es passiert ein Verbrechen, sicher, der Täter wird gefasst und verurteilt. Was dann jedoch folgt, ist die große Suada einer jener unheimlichen genialischen Figuren der Literatur, die sich aus dem Basislager einer nihilistischen Ethik und Kosmologie hinaufschwingen bis zum Gipfel der radikalen Verachtung. -Günter Grosser, Berliner Zeitung

Es ist ein Stück Meta-Literatur, voller Bezüge auf die metaphysical poets, auf Aischylos, Balzac, den englischen Soldaten und Flugzeugkonstrukteur John William Dunne. Edgertons Rollenprosa setzt auf einen komplett unzuverlässigen Erzähler; seine Abrechnung mit sämtlichen Religionen, seine esoterischen Theodizee-Exkurse sind nur dazu da, um am Ende doch wieder dort zu landen, wo der gekreuzigte Christus starb – um dessen Botschaft zu pervertieren: „Nichts ergibt einen Sinn, weil Sinn exakt das ist, wobei sich der Schöpfer aus Spaß gezügelt hat.“ Der Roman ist eine kalkulierte Zumutung, funkelnd und bösartig. Er beweist, dass es in der Literatur aufregender zugeht, wenn sich einer überhebt und verrennt, anstatt die immer gleiche fade Tütensuppe der Marke Psychothriller, Serienkiller oder Regionalkrimi aufzutischen.

-Hannes Hintermeier, FAZ

Pinter wird wegen Mordes zum Tode verurteilt, im Gefängnis lässt er die Vergangenheit Revue passieren, er analysiert seine Gegenwart, malt sich seine Zukunft aus und erwähnt wie zufällig Autoren wie Albert Camus und Fjodor Dostojevskij. Als „unzuverlässiger Erzähler“ lässt er den Leser im Unklaren, was von alledem zu halten sei. Echt an Truman Ferris Pinter ist nur seine Kälte – und das Schicksal, auf das zusteuert. Oder am Ende etwa nicht? Wie gut, dass das erhellende Nachwort von Ekkehard Knörer dieses außergewöhnliche Stück Literatur einordnet.

-Hans Jörg Wangner, StZ