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Rezensionen – Piss in den Wind

Demgegenüber präsentiert sich „Piss in den Wind“ (im Original etwas weniger dick aufgetragen „Caution to the Winds“) als reinblütiger Roman. Er hebt an: „Meine Geschichte ist eine Geschichte des Wahnsinns“. Dass der Wahnsinnige selbst sie erzählen darf, scheinbar schlüssig, doch als höchst unzuverlässiger Gewährsmann – das hat seit den Tagen Edgar Allan Poes immer seinen zwielichtigen Reiz. Auch Giovinazzo macht ihn sich gekonnt zunutze. James Gianelli, Dozent für Fotografie an einem zweitklassigen College, findet nach einer Auseinandersetzung seine Freundin Karen, die ihn verlassen wollte, erwürgt am Boden und kann nicht umhin, sich selbst für den Täter zu halten. Er entsorgt die Tote am nahen Strand und entdeckt kurz darauf eine andere angespülte Frauenleiche. Er fotografiert sie, hängt die Fotos daheim auf, und allmählich wird sie ihm eine geisterhafte Gefährtin, erst überaus fügsam, aber nach und nach immer aufsässiger. Er macht ihre jüngere Schwester ausfindig, fängt mit ihr eine Affäre an, sie kommt allmählich seinem Lügengespinst auf die Spur.
Gut ausgehen kann das, vermutet der Leser, der mit dem denkbar unsympathischen Helden dennoch mitfiebert, keinesfalls.
-Burkhardt Müller, SZ

Großartige Szenen gelingen Giovinazzo beim Zusammentreffen James mit seiner Mutter am Krankenbett des Vaters. Keine wehleidige Bestandsaufnahme wechselhafter Emotionsschübe, keine Versöhnung am Totenbett, stattdessen ein wankelmütiges Jonglieren zwischen dem Status Quo des Schweigens und dem, was eigentlich gesagt werden müsste. Provoziert durch den Schatten der toten Dominique, die James begleitet wie das personifizierte schlechte Gewissen.
Das könnte in die Hose gehen, den Geist jener unzähligen Werbespots hervorrufen, der verkündet, dass man anscheinend nicht das richtige Waschmittel genommen hat. Doch Giovinazzo beherrscht sein Handwerk. Und so bleiben seine Figuren glaubwürdig, mit all ihren Schwächen und Obsessionen. Und am Ende, wenn sich ein Großteil aufklärt, gibt es sogar so etwas wie Hoffnung. Die allerdings eine trügerische sein könnte…
Es hat sich so ergeben, dass die Neuauflage von „Cracktown“ und Giovinazzos aktueller Roman „Piss in den Wind“ gleichzeitig hierzulande erscheinen. Hochinteressant beide Romane im Gespann zu lesen. Dazwischen liegen fast 20 Jahre, diverse Tatorte und andere Filme, sowie weitere Romane. Eins ist geblieben: Die Welt als dunkler, gewalttätiger Ort, an dem Menschen auf der Suche nach Zugehörigkeit und Liebe verzweifeln. Während „Cracktown“ im Blitzgewitter zwischen Drogen, Prostitution, Armut und alltäglicher Gewalt implodiert, schaffen sich die Protagonisten in „Piss in den Wind“ ihre Hölle selbst. Schreie und Flüstern. Aber nie miteinander reden. Die einen sind dazu nicht (mehr) in der Lage, die anderen zu feige. Bis zum Schluss…
-Jochen  König, Watching the  Detectives

Giovinazzo verzichtet von Anfang an darauf, mit harten Kontrasten zu arbeiten, mit einer theatralischen Konfrontation von „krank“ und „gesund“. Im Gegenteil. Aus der wirklichen und der Wahnwelt wird eine dritte, eine Welt aus Wirklichkeit und Wahn eben, die so normal ist wie das Alltägliche – und genauso irrwitzig. Durch diese neue Welt ziehen sich die Erzählstränge, die Lebenslinien: Gianellis Jugendtrauma, seine prekäre berufliche Existenz, seine verzweifelten Bemühungen, „normal“ zu sein. Das ist, wie Giovinazzo es aufbaut, eine erstaunliche unspektakuläre Geschichte, bei aller Abstrusität, bei aller psychopathologischen Relevanz. Hinzu kommt, dass wir uns stets auf dem Boden des Genres befinden, eine Geschichte voller Verdacht und Vorahnungen lesen, die latente Überraschungen in sich trägt und am Ende auch hier einlöst, was sie verspricht. Wieder ein Gegensatzpaar, wieder Fallhöhe. Die exakte Rekonstruktion von Normalität (mit der normalen Prise Wahn) bedient sich herkömmlicher Genremittel und erhält dadurch ihre Originalität.
Das alles macht „Piss in den Wind“ zu einem Kleinod zeitgenössischer Kriminalliteratur. Zu einem „Noir“, der dezidiert keiner ist – es sei denn, das Normale wäre per se Noir – und deshalb mit Fug und Recht als ein Noir der intelligenten Sorte gerühmt werden kann. Die Begegnung mit der Schwester des Toten führt Gianelli langsam aus seiner verqueren Welt hinaus, hinein in das normale Verrücktsein, die mit Brief und Siegel attestierte Geisteskrankheit. Ein Happyend? Oder der Auftakt eines neuen Traumas? Wieder mischen sich die Extreme.
-dpr, Watching the detectives

Nach langer Wartezeit ist nun endlich der neue Roman von Buddy Giovinazzo bei pulpmaster erschienen. Wie so oft bei ihm zuerst in deutscher Übersetzung, denn auch bei diesem Roman hat bisher kein amerikanischer Verlag zugegriffen. Selbst schuld… Waren die bisherigen vier Bücher des New Yorker Filmemachers (Cracktown, Poesie der Hölle, Broken Street, und Potsdamer Platz) in den Rubriken Hardcore/Blut/Abgründe/Drogenhölle angesiedelt, so ist „Piss in den Wind“ ein eher weich anmutendes Drama aus der dunklen Ecke des Noir-Genres. Schlagworte zur Einordnung: Eine Autorenmixtur aus Jason Starr, Jim Thompson und David Goodis ist zu spüren, dies aber ohne jegliche Kopierfunktion.
James Gianelli, ein eher bieder wirkender Dozent für Photographie wird von seiner Freundin Karen verlassen, die aus der gemeinsamen Wohnung auszieht. Am gleichen Abend wird James durch einen psychotischen Anfall bewusstlos. Als er am nächsten Morgen erwacht, liegt Karen erwürgt neben ihm. Panisch entsorgt er Karens Leiche im Ozean, überzeugt davon ihr Mörder zu sein. Dem besorgten Bekanntenkreis gegenüber behauptet er, Karen letztmalig bei ihrer Abfahrt gesehen zu haben. James kann anscheinend damit leben, seine Exfreundin getötet zu haben. Nur alleine kann er nicht sein.
So sucht er sich schnell eine neue Gefährtin. Doch Dominique ist nur für James sichtbar. Mit ihr spricht er über sein bisheriges Leben, seine Beziehungen und über den frühen Tod seines Bruders. Immer mehr erfährt man so über die Vergangenheit von James Gianelli bis hin zum gewaltsamen Tod von Karen.
Als James von seinem Arbeitgeber entlassen wird und Karens Bekanntenkreis seiner Version von ihrer Abreise keinen Glauben mehr schenkt, nähert sich das Drama seinem Finale.
Das Wechselspiel von Realität und Einbildung sowie die ewig aktuelle Frage um Schuld und Sühne machen „Piss in den Wind“ zu etwas Besonderem in diesem Genre. Selten war dieses Thema so fokussiert an eine Person bzw. deren Dialog mit einer nur für ihn sichtbaren Frau gebunden.
Großes Lesekino…
-Christian Koch, Hammett

Eher emotionales als soziales Elend dominiert in Giovinazzos neuem Roman „Piss in den Wind“, der zeitgleich mit „Cracktown“ erscheint. Fotografiedozent James Gianelli leidet unter Verlassensängsten. Deshalb reagiert er hysterisch, als seine ehemalige Freundin Karen nach eineinhalb Jahren Nebeneinanderherlebens auszieht. Dann liegt da plötzlich ihre Leiche. Und der Psychotiker James kann sich an nichts erinnern. Hat er Karen erwürgt? Alles spricht dafür, und so lässt er die Leiche samt Auto im Meer verschwinden. Wider Erwarten taucht zunächst kein Polizist bei ihm auf. Aber James hat schon bald eine neue Freundin, Dominique. Doch die ist schon tot. Er selbst hat die übel zugerichtete Leiche der Gelegenheitsprostiuierten fotografiert, als sie aus dem Wasser gezogen wurde. Nun muss er sich auf ein Leben einrichten, in dem Vergangenheit und Gegenwart, Illusion und Realität eine unheilvolle Allianz eingehen.
„Piss in den Wind“ ist ein Musterbeispiel für einen ebenso respektvollen wie ironischen Umgang mit der ästhetischen Tradition des Noir. Und das zeigt sich auch im Detail. „Wir gingen nach unten und sahen fern – in Farbe!“, heißt es an einer Stelle. Ein sehr merkwürdiges Ausrufezeichen in einem Roman, der in unserer Gegenwart zu spielen vorgibt. Aber wahrscheinlich lief gerade Hitchcocks „Vertigo“.
-Joachim Feldmann, Culturmag

„Piss in den Wind“ ist ein Noir, der wohlige Erinnerungen an die klassischen Noirs, die Werke von James M. Cain, Cornell Woolrich, David Goodis und auch Jim Thompson weckt. Vor ihnen muss Buddy Giovinazzo sich wahrlich nicht verstecken. Auch wenn sein Ende nicht gar so düster ausfällt.
Axel Bussmer, Kriminalakte

Buddy Giovinazzos „Piss in den Wind“ ist nicht nur der Krimi mit dem besten Titel des Jahres, sondern auch sonst ein bisschen irre Herzlichen Glückwunsch, der war gut! Es kommt selten vor, dass man ein Buch nur deswegen aufschlägt, weil der Titel so unwiderstehlich ist. Doch wer auch immer die Eingebung hatte, aus dem englischen Originaltitel von Buddy Giovinazzos „Caution to the Winds“ ein hingerotztes „Piss in den Wind“ zu machen, hat am Autor wohlgetan. Inwieweit der Titel zum Inhalt passt, könnte man, wenn man wollte, diskutieren, man kann es aber ebenso gut sein lassen. Was würde wohl besser zu einem Buch mit einer psychisch kranken Hauptfigur passen als ein etwas irrer Titel? …
Mit leichter Hand (und die deutsche Übersetzung macht das mühelos mit) erzählt Giovinazzo diese Geschichte auf mehreren Ebenen, lässt James‘ fortgeschrittene Psychose sich munter fortentwickeln, während er allmählich deren Ursprünge aufdröselt und ganz nebenbei auch noch den überraschenden Hintergrund von Karens gewaltsamem Tod aufdeckt. Und die ganze Zeit kann man sich partout nicht entscheiden, ob man nun eigentlich Empathie mit dem Protagonisten empfinden soll und darf oder eher nicht. Denn ist er nicht immerhin, sehr wahrscheinlich, so eine Art irrer Mörder? Ein echtes Lektüredilemma. Aber auch das trägt dazu bei, dass sich dieses schräge kleine Buch, so lässig erzählt es auch daherkommt, als echter Pageturner entpuppt.
-Katharina Granzin, TAZ

Um “Piss in den Wind” zu lesen, muss man nicht bis zu den Sommerferien warten, es ist genau die richtige Lektüre, um diesen ekligen, abgebrochenen Winter zu verarbeiten und sich in die entstehenden Frühlingsgefühle hineinzulesen. Auch wenn Gianellis Gefühle einer Toten gelten, das sollte für Freunde und Freundinnen von Krimialliteratur kein Problem sein. Buddy Giovinazzo, der jetzt auch wieder Filme in den Staaten dreht und gerade nach dem Abschluss eines Horrofilms wieder nach Berlin zurückkehrt, sagt auf die Frage, was dieses Buch für ihn bedeute: “Die Geschichte in diesem Buch habe ich jahrelang in meinem Kopf mit mir herumgetragen. Es ist wie bei Frankenstein; ein Mann erschafft etwas, von dem er glaubt es sei die perfekte Frau, nur um festzustellen, dass er einen Alptraum geschaffen hat, aus dem zu fliehen ihm unmöglich ist. Ich war komplett allein als ich das geschrieben habe. Deshalb ist die Einsamkeit so schmerzhaft für den Protagonisten. Wir alle waren schon in Beziehungen, die uns nicht gut getan haben, aber die Angst vor der Einsamkeit hält uns zuweilen in diesen Beziehungen gefangen. Genau das ist mir damals auch passiert.”
-Ulf Schleth, Junge Welt

Giovinazzo macht es dem Leser nicht einfach. Sein Protagonist lädt so gar nicht ein, ihn gern zu haben. Immerhin macht er reihenweise mit Studentinnen rum und ist sehr wahrscheinlich ein geisteskranker Mörder, der noch dazu mit toten  Prostituierten spricht. Doch der Roman ist auch sehr spannend und sehr erfrischend. Vieles ist nicht vohersehbar und sehr vielschichtig aufgebaut.Auch sehr philosophisch, geht es doch oft um Schuld.
-Lena Duvendack, Stadtblatt Osnabrück

Buddy Giovinazzo, der nicht nur Schriftsteller, sondern auch Filmemacher ist und unter anderem mehrere Tatort-Folgen gedreht hat, verwischt in seinem Roman die Grenzen  zwischen Traum und Realität. Oder ist nur die Realität traumatisch?
-kulturnews, mit citymag

In Piss in dem Wind kommen Giovinazzo auch Stärken zu Gute, die er seinem filmischen Schaffen verdankt: In erster Linie zeichnet er eine starke Hauptfigur. Von Gianelli will man wissen wie er tickt …Giovinazzos neuester Roman erzählt von  Abhängingkeiten, von Zwängen und von Überlebensstrategien einiger einsamer Seelen da draußen.
-Jens Uthof, Zitty